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THEMA: Walter Powell Point

Walter Powell Point 11 Nov 2017 12:27 #1

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Es gibt Punkte, die muss man erst einmal ausmachen, da niemand etwas über sie berichtet!

Anfang der 1990er Jahre hatten wir in einem Reiseführer einen Hinweis auf Cape Solitude gefunden, jener Spitze 1000 Meter hoch über der Mündung des Little Colorado Rivers in der Colorado River. Das klang interessant! Wie kommt man dort hin?

Laut Führer sollte man nahe des Desert Views, also des östlichen View Points am South Rim des Grand Canyon N.P. zur Rangersiedlung und durch diese hindurch fahren. Irgendwann käme man an einen Zaun mit Lücke, durch diese hindurch führe eine Fahrspur bis zum Cape.Auf der Hochfläche träfen sich abends gerne Liebespärchen.

Die gesamte Beschreibung stellte sich, wie man es öfters findet, als frei erfunden heraus. Zwar gab es auch hinter der Siedlung eine Spur, diese war allerdings stellenweise ausgesprochen gefährlich. Man musste zentimetergenau fahren, wenn das Fahrzeug nicht umkippen sollte. Auf dem Weg gab es viel Kaibab Limestone, eine besonders harte und scharfkantige Varietät, die reifenmordend ist. Später habe wir dann gelernt, dass es eine zweite Zufahrt zu der Lücke im Zaun gibt, die fahrtechnisch wesentlich einfacher war. Allerdings verläuft sie von ausserhalb des Parkbereichs ab der AZ 64 mehr oder weniger entlang des Little Colorado Rivers. Ja und Liebespärchen? Nie und nimmer!

Egal wie, die Tour lohnte sich wegen des Ausblicks. Man konnte Marble Canyon und Fluss über einige Meilen sehen, schaute ca. 1.000 Meter in die Tiefe. Nur die nervigen Sightseeing Planes, die nur vielleicht 100 Meter hoch über das Cape donnerten, waren nervig. Kein Wunder, dass in der ganzen gegend kein Wild mehr zu entdecken war.

Zweimal war es uns vergönnt, dasCape zu besuchen. Ein paar Jahre später hatte man dann dieLücke im Zaun abgesperrt und eine Leiter errichtet. Zutritt nur noch für Fussgänger! Mann muss nun 7 Meilen one way laufen, wenn man aufs Cape will. Offizielle Begründung: Umweltschutz! Nur die Tiefflieger donnern nach wie vor über den Ort. Sowas nennt man dann wahrscheinlich konsequent!

(Bei den Photos handelt es sich einmal mehr um Scans von alten, schlechten Dias!)


Blick vom Cape Solitude

Als wir mal wieder in Flagstaff waren kam eine Idee! Auf der Nordseite des Little Colorado Rivers sah es doch imPrinzip genauso aus wie auf Cape Solitude. Blieb die Frage wie man dort hinkommt?

Die USGS Topomaps zeigte Wege, zwei endeten am Rand der Schluchten. Das Ganze lag in der Navajo Nation, da waren wenig Probleme zu befürchten. Wir fahren auf der US 89 in Richtung Norden, passieren Cameron und den Abzweig zur US 160 (Tuba City, Kayenta).6,7 Meilen nördlich der US 160 biegen wir nach links (Westen) auf die IR 6133 (IR = Indian Road)


IR 6133

Die Road ist in gutem Zustand.Die genaue Navigation spare ich hier ein, wer den Weg sucht, findet Angaben im Link oben.


IR 6133

Generell ist in der Gegend die Navigation anhand von Kartendaten schwierig bis unmöglich. Es gibt unzählige Spuren, die in den Karten nicht verzeichnet sind und umgekehrt findet man dort eingetragene Wege nicht immer. Offensichtlich entstehen Spuren nach Bedarf, wachsen auch wieder zu.

Wir sind so vorgegangen: Aus der Topomap die Koordinate des gewünschten Punkts ins GPS übertragen. Das hat uns dann zumindestens die Richtung angegeben. Man kann sich auch am höher aufragenden Kaibab Plateau orientieren, das sich westlich des Colorado Rivers erstreckt.


Die Roads werden zu Spuren - Kaibab Plateau westlich des Rivers im Hintergrund

Der Untergrund wird steiniger. Reifenmordenden Kaibab Limestone.Highway Tires können nach wenigen Meilen beschädigt oder zerstört sein..

Vergleicht man GPS und Karte sieht mandass wir uns oft zwischen kartographisch erfassten Routen befinden. Umgekehrt sind Routen der Karte verschwunden oder so schlecht, dass man sie nicht benutzen möchte. Besser ist es, einer einigermassen brauchbare Spur in der in etwa richtigen Richtung zu folgen.


Besser werden die Trails nicht, wenn man sich dem Zielpunkt nähert.

Laut USGS wird die Ödnis "Blue Moon Bench" genannt.


Erster Blick in dlie Little Colorado River Gorge

Noch ein paar hundert Meter! Aussteigen, etwas nach vorn laufen und der Atem stockt! Das ist es, was wir gesucht haben - das Gegenstück zu Cape Solitude! Nur die Aussichtsplattform ist viel kleiner.


Am Ziel! Panorama 1.000 Meter über dem Fluss. Die Hochfläche links jenseits des Little Colorado Rivers - das “verbotene” Cape Solitude. Im Hintergrund der GC South Rim .


Es ist so, wie wir uns das erhofft hatten - ein zweites Cape Solitude! Und erneut ganz für uns allein. Wer ist schon so verrückt und fährt hier raus? Wohl nicht viele. Dass man einen Kilometer hoch über den Flüssen steht muss man sich erst bewusst machen.

Offiziell gibt es keinen Namen. Wie also ihn nennen? Wir beschliessen, Walter Powell die Ehre zu geben, dem Bruder vom legendären John Wesley Powell. Als sie auf der Expedition den noch unerforschten Fluss hinab an der Mündung des Little Colorado Rivers anlangten, hatten sie in der tiefen Schlucht die Orientierung in Relation zum Umfeld verloren. Walter Powell machte sich auf den beschwerliche und gefährliche Aufstieg hinauf zum Rim. Dazu benutzte er den ersten nach Norden abzweigenden Seitencanyon in der Schlucht des kleinen Colorado Rivers, kam letztendlich knapp eineinhalb Kilometer östlich unseres Standorts hinauf auf die Ebene. Man sah wieder klarer!



Chuar Butte rechts, Temple Butte dahinter

Der Ort ist gleichzeitig Mahnmal einer Katastrophe. Am 30. 6. 1956 stiessen zwei Passagierflugzeuge von TWA und United Airlines in der Luft zusammen, stürzten ab und zerschellten an den Temple und Chuar Buttes, rissen 128 Menschen in den Tod - das bis dato grösste Desaster der Luftfahrt.

Man versuchte die Opfer zu bergen, was den US-Amerikanern nicht gelang. Erst Spezialisten aus der Schweiz waren erfolgreicher. Die Trümmer verblieben für fast ein Vierteljahrhundert, bevor man sich entschloss, sie zu beseitigen. Bei der an der Temple Butte zerschellten Super Constellation der TWA gelang es, es finden sich aber immer noch kleinere Überreste des Wracks. Die Bergung der DC-7 von United scheiterte hingegen. River Runner berichten, die Trümmer hingen weiterhin in den Spalten der Chuar Butte, seien vom River aus sichtbar.



Kwagunt Butte, Malcosa Crest und Nankoweap Mesa jenseits der Marble Canyons.

Wir legen eine Lunchpause ein, bevor wir uns verabschieden. Wenn wir schon mal in der Gegend sind, wollen wir noch eine zweite Stelle aufsuchen, die ebenfalls spektakulär sein soll.



Mitten auf der öden Blue Moon Bench - hier ist jede Abwechslung willkommen, auch beim Vieh!

Wir müssen nach Nordosten. Lady fährt und ich versuche den kürzesten Weg zu finden. Weiterhin Dutzende, wenn nicht Hunderte von Spuren. Manche drehen plötzlich und ohne ersichtbaren Grund um 90 Grad ab. Pech gehabt! In den Karten sind sie eh nicht verzeichnet.

Es ist schon spät. Im Bereich des sogenannten Eminence Breaks, einer Geländestufe, landen wir in einem flachen Tal, mehr oder weniger verschwindet der Trail und wir kämpfen uns fast wegelos über einen Wash und einen steinigen Hang hinauf. Dort oben müsste eine grössere Road sein. Zum Glück stimmt das! Jetzt noch 5 Meilen und wir sin am Ziel!

Diese Mal bleibt uns das Glück treu. Fast - denn auf der Querfeldeinstrecke haben wir Sagebrush eingesammelt, der unterm Auto anfängt zu riechen. Durch die Hitze des Auspuffs. Entfernen nahezu aussichtslos. Wir sitzen in einem fahrenden Räuchermännchen. Anfangs noch würzig, später in einem anderen Sinne breathtaking!

Dort eine Spur nach links, das muss es sein!


Marble Canyon bei Vasey's Paradise

Abendliches Licht liegt über dem tiefroten Marble Canyon. Die Sonne nähert sich dem westlichen Horizont, dem Kaibab Uplift. Natürlich blendet es, aber was macht das schon bei diesem Anblick?



Marble Canyon - Spitze des South Canyon Points

Vasey's Paradise ist als dunkler Fleck gerade noch rechts am Bildrand über dem River zu erkennen. Eine gewaltige Quelle in der Wand des Cliffs. Das Dunkle ist dem starken Pflanzenwuchs zuzuschreiben. Angeblich hängen - von unten, von den Booten gesehen - Millionen von Wassertropfen in den Pflanzen und der Luft, glitzern wie Diamanten. Zu Ehren eines seiner Mitstreiter nannte Powell das Naturphänomen "Vasey`s Paradise".

Stantons Cave liegt "just around the corner", berühmt als archäologische Fundstätte einer 3-4.000 Jahre alten Kultur.

Robert Brewster Stanton unternam im Juli 1889 eine Expedition durch den Grand Canyon. Man wollte die Möglichkeiten für eine Eisenbahn durch die Schlucht erkunden. Kurz oberhalb Vasey`s Paradise ereignete sich ein Unglück. 3 Männer von Stantons Party ertranken im Fluss. Man brach das Unternehmen ab, rettete sich unter grossen Anstrengungen hinauf auf die hier ca. 800 Meter höher liegende Ebene. Der vermessene Plan wurde glücklicherweise nie realisiert.

Obwohl wir auch hier wieder völlig alleine sind, unbehelligt von den nervtötenden fliegenden Plagegeistern des Grand Canyons - keine Gnats sondern Helicopter und Airplanes - , etwas stört!

Wir stehen auf Beton, da ist auch noch ein altes Geländer aus Stahlrohr!

Überreste einer weiteren menschlichen Hybris. Das Bureau of Reclamation, verantwortlich für die Erschliessung des amerikanischen Westens, hatte grosse Pläne. Man wollte Staudämme im Grand Canyon errichten und eine der vorgesehenen Stellen zur Errichtung eines Dammes war hier!

Zuerst einmal baute man einen Trail hinunter zum Fluss. Durch den etwas nördlich liegenden Twentynine Mile Canyon. Dann errichtete man in den Jahren 1951/52 eine Seilbahn. Auf deren
Fundamenten stehen wir! Die Seilbahn sebst hat die Jahre nicht überdauert, aber der Trail dient heute noch ausdauernden Hikern als Weg hinunter zum Fluss.



Reste der Seilbahn

Die Stelle hat am Abend etwas ungeheim Friedliches. Es ist einfach schön hier. Und offenbar gefällt es nicht nur uns, haben nicht nur wir friedliche Stimmung:



Der kleine Kerl sitzt keine 2 Meter neben mir.

Langsam wirde s Zeit, den Rückweg anzutreten. Wir kennen denz ustand der Trails/Roads hier in der Ecke nicht, aber die Nacht steht bevor.

Da die Sonne hinter dem hohen Kaibab Plateau untergeht, dämmert es schnell. Noch ehe es richtig dunkel wird erreichen wir die Indian Route 6110, die uns zurück zur US 89 führt, die wir im Dunklen bei The Gap erreichen. Jetzt müssen wir nur noch zurück nach Flagstaff. Ein Tag mit Ödnissen, Aussichten und Geschichten geht zu Ende.

Anmerkungen:

* Walter Powell`s Route wird von Kelsey im "Non-technical Canyon Guide - Colorado Plateau" (5th Edition vom August 2006) beschrieben. Die mitgelieferte Anfahrtsskizze ist fragwürdig, enthält nahe des Routenbeginns drastische Fehler im Verlauf der Anfahrtswege. Diese fehlerhafte Karte ist offenbar aus anderem, ebenso falschem und veralteten Kartenmaterial abgezeichnet.

** wer sich näher mit der Geschichte des Colorado Rivers in Bezug auf seine Nutzbarmachung auseinandersetzen möchte, der sollte sich "Jared Farmer: Glen Canyon Dammed - Inventing Lake Powell and the Canyon Country" (The University of Arizona Press, ISBN 0-8165-1887-4) beschaffen. Ein Buch voller Hintergrundinformationen, die anderweitig kaum zu erhalten sind.

Gruss

Rolf
Desert Drunk and Red Rock Crazy: hatchcanyon.eu
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